(…) Erwähnt werden muss die Mädler-Passage aus zweierlei Gründen: erstens Goethe, zweitens Schneider. Ersterer hat den edelsten der Leipziger Durchgänge mit seinem Weltbestseller »Faust« geadelt, indem er den verjüngten Doktor und seinen diabolischen Reisebegleiter hier Station machen ließ. Der andere Doktor, Utz Jürgen Schneider, gern Baulöwe genannt, hat dieses Schmuckstück aus dem 16. Jahrhundert nach der Wende auf Hochglanz polieren lassen. Allerdings auf Basis eines Geflechts aus Milliardenbetrügereien, das irgendwann aufflog und den Doktor fliehen ließ, bis nach Amerika, von wo aus er dann in einen weniger prachtvollen Bau einziehen durfte. (…)
Viele Worte, viele Fotos, viele Seiten. Gedruckt, gebunden, zwischen zwei Buchdeckeln. Fürs Regal, für den Nachttisch, für die Handtasche, für den Rucksack.
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Silvester war Silvia auf Silt
Leute, die beim Radio anrufen,
„Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit einem verständnisvollen, einem verständigen, einem angemessenen Applaus, den Künstler des Abends: Uh Ah.“ Der Künstler betritt die Bühne, eine weiße Fellimitation im klassischen Schürzenschnitt, Ohrringe aus Erdnussdosendeckeln, mit einem kleinen Hammer in eine anklagende Schüsselform getrieben, das Haar hinten lang, an den Seiten hoch rasiert, dazu ein rötlicher Backenbart.
Wohin soll denn die Reise gehen? Im engen Korsett des antifaschistischen Schutzwalls war diese Frage, die landauf landab in die Musikstunden einer jeden POS kurz vor den Sommerferien gehörte, nicht mehr als bitterer Zynismus. Nun steht uns die Welt aber tatsächlich offen – geografisch, politisch, religiös, beruflich, sexuell… Gerade zu Beginn eines neuen Jahres darf also gefragt werden: Wo geht’s lang in Zwo-Elf?
Der N schlägt den Kragen hoch. Was hatte ihn nur hinausgetrieben in diesen verregneten Dienstag. „Die Angst war es, die Angst“, flüstert sein Herz, während es warmes Blut in seine kalten Füße pumpt. Mit seinen dünnen Fingern wischt er den Gedanken mit dem Regen aus seinem Gesicht. Die Schultern hochgezogen, alle Muskeln angespannt, läuft er steif dem Tag entgegen. Morgenstund hat Gold im…naja, wo eigentlich?
Vielleicht hätte ich den Bahnhof gemocht und vielleicht ist Atomenergie wirklich verdammt sauber… Was ich aber mit Gewissheit sagen kann, ja beinahe euphorisch herausschreiben möchte: Ich liebe diesen Wind der Rebellion! Und ich kann die Motive verstehen, die junge und alte Menschen auf die Straße treiben.
Die Ina mag gern heißen Sanddornsaft, in ihren roten Kuschelstrümpfen rollt sie sich auf dem alten Sofa zusammen und schaut Kinderfilme. Der Dirk ist pragmatischer, sobald er die Arbeitstasche in die Ecke gefeuert hat, beginnt er zu saufen. Claudia brutzelt sich regelmäßig die obere Hautschicht im Solarium weg. Und Ingrid und Heinrich jetten – denn die können sichs ja leisten – regelmäßig gen Süden.