Silvester war Silvia auf Silt
Sensible Gespräche mit
sympathischen siebenunddreißigjährigen
surfbegeisterten Sparkassenkarrieristen
so mag es die Silvi, immer schön sinnvoll
eine Sensation dieser Sören
mit streng gestylten Strähnen
schob er sein stylisches Phone
stürmisch in ihren Schoß
seine sekündlich synchronisierte Abschlepp-App
summte Silvi auf Silt in den siebenten Himmel
als der sensible Sören Silvi in seinem silberfarbenen Siebener
bei siedendheißen Simply Red-Symphonien
seine Sicht auf Sylt servierte und auf die Welt
sagte Silvi: so simpel?
Sören summte selbst gefällig
So gefiel das auch Silvi
Silvester auf Sylt segelte Silvia
nach – summa summarum –
sieben Sommern (und Wintern) der Suche
mit Sören sicher in seine Welt
Leute, die beim Radio anrufen,
„Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit einem verständnisvollen, einem verständigen, einem angemessenen Applaus, den Künstler des Abends: Uh Ah.“ Der Künstler betritt die Bühne, eine weiße Fellimitation im klassischen Schürzenschnitt, Ohrringe aus Erdnussdosendeckeln, mit einem kleinen Hammer in eine anklagende Schüsselform getrieben, das Haar hinten lang, an den Seiten hoch rasiert, dazu ein rötlicher Backenbart.
Wohin soll denn die Reise gehen? Im engen Korsett des antifaschistischen Schutzwalls war diese Frage, die landauf landab in die Musikstunden einer jeden POS kurz vor den Sommerferien gehörte, nicht mehr als bitterer Zynismus. Nun steht uns die Welt aber tatsächlich offen – geografisch, politisch, religiös, beruflich, sexuell… Gerade zu Beginn eines neuen Jahres darf also gefragt werden: Wo geht’s lang in Zwo-Elf?
Der N schlägt den Kragen hoch. Was hatte ihn nur hinausgetrieben in diesen verregneten Dienstag. „Die Angst war es, die Angst“, flüstert sein Herz, während es warmes Blut in seine kalten Füße pumpt. Mit seinen dünnen Fingern wischt er den Gedanken mit dem Regen aus seinem Gesicht. Die Schultern hochgezogen, alle Muskeln angespannt, läuft er steif dem Tag entgegen. Morgenstund hat Gold im…naja, wo eigentlich?
Vielleicht hätte ich den Bahnhof gemocht und vielleicht ist Atomenergie wirklich verdammt sauber… Was ich aber mit Gewissheit sagen kann, ja beinahe euphorisch herausschreiben möchte: Ich liebe diesen Wind der Rebellion! Und ich kann die Motive verstehen, die junge und alte Menschen auf die Straße treiben.
Die Ina mag gern heißen Sanddornsaft, in ihren roten Kuschelstrümpfen rollt sie sich auf dem alten Sofa zusammen und schaut Kinderfilme. Der Dirk ist pragmatischer, sobald er die Arbeitstasche in die Ecke gefeuert hat, beginnt er zu saufen. Claudia brutzelt sich regelmäßig die obere Hautschicht im Solarium weg. Und Ingrid und Heinrich jetten – denn die können sichs ja leisten – regelmäßig gen Süden.
Was soll das eigentlich? Einerseits herrscht panische Angst davor, auf Googles Straßen-Anischtskartendienst die eigenen Gardinenmuster zu entdecken, andererseits wuchern minutiös geführte Tagebücher über und über voll von gähnend langweiligen Belanglosigkeiten. Das Netz sollte die Welt näher zusammenbringen, Kommunikationswege verkürzen, Leben retten … und jetzt das!
In was für Zeiten leben wir eigentlich? Gerade haben wir den Krieg, den real existierenden Sozialismus und das Ozonloch überstanden und alles war auf dem besten Wege total kuschelig zu werden… Und jetzt? Klimaerwärmung, Mistwetter, Immobilienkrise, Bankencrash, Staatsverschuldung, Griechenland, demographischer Wandel, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Guido Westerwelle, Horst Köhler … alles im Eimer. Wer sich zuerst bewegt, der hat verloren.