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Unter der Linde

Unter der uralten Linde
– Nicht ein Blatt bewegt sich im Winde –
Ruht die stramme Gerlinde
Bedeckt nur von zartestem Blumengebinde

Klaus, ihr Witwer, mit dem aschfahlen Gesicht
Und auch die fünf dünnen Kinder
finden, und nicht nur gelinde,
das Ganze doch irgendwie schade

Ganz anders,
Natur ist Zynismus egal,
sieht das,
reich gesegnet mit Kindern auch sie,
die fromme Frau Mutter Made

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In gleißender Unendlichkeit

An jedem Tag
in jedem Gedanken
in jedem Muskel
in Deinem Lächeln
in meiner Stimme
im chaotischen Lärm
in tiefer Stille
quietscht und kreischt alles
quietscht und knirscht alles

Im Sonnenschein
im rauschenden Regen
im Grün wachsender Pflanzen
im Zwitschern der Vögel
unter Deinen Füßen
unter meinen Rädern
am Rumpf dieses Bootes
reißt und kreischt alles
reißt und schlägt alles

In leichtsinniger Euphorie
in zärtlicher Nähe
in roter Wut
in unschuldiger Freude
in erdiger Trauer
im Jetzt und Hier
im fernen Damals
brennt der entzündete Schnitt
brennt die reißende Wunde

Kopfüber in der Schwerelosigkeit
im dumpfen Nichts
in gleißender Unendlichkeit
zwischen allen Zeiten
hinter allen Zielen
Lösen wir uns auf
in Wind und Wasser
in Wärme und Ewigkeit
in Stille und Licht

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Nachsaison

Durch die Luft fliegt rauschend: eine halbtote Taube
Fällt ungefragt und -gebraten in mein Gesöff aus der Traube
Die früh verfaulte Kastanie stürzt sich vom morschen Baum
Gesellt sich zum steifen Geflügel in den stinkenden Schaum

Der Himmel, immer der Himmel, ist ekelerregend blau
Gespiegelt im brodelnden Wasser, färbt sich das Bild grün und grau
Kühe, Schafe und Pferde hinter knisternden Zäunen
Fallen dumpf vom Hang, litten unter ungleichen Beinen

Rumpelnde Wagen fahren quietschend auf bröckelnden Straßen
Todessehnsüchtige Fahrer überholen vor Kurven und rasen
Pfeifend, fauchend und sterbend quält sich durchs Kartenmotiv
Ein Zug auf zerbröselnden Schienen hin zum Abhang, so tief

In überfüllten Cafés, entlang verlassener Straßen
Versuchen in beige und in grau alte Menschen die Szene zu fassen
Ihre blutigen Tränen tauchen alles in romantisches Rot
Ein Kellner stolpert über’s Eisbärfell und ist auf der Stelle tot

Aber die Sonne, sie scheint, man hat den verbrieften Spaß
Gliedmaßen segeln vom Rumpf, ich schwöre, ich rieche Gas
Und am exklusiven Strand, im Schatten schimmelnder Liegen
Ganz am Ende der teuren Saison, scheint noch jemand zu liegen

Schnell kratzen Federn und Minen Lügen auf buntes Papier
Zungen lecken lüstern an Marken, schmecken nach schalem Bier
Würgend erhebt sich die Taube, aus meinem Traubensaft
Trägt den Brief in die Heimat, tut das mit letzter Kraft

Grau wedeln Tücher zu Massen
zum Abschied aus tausenden Fenstern
Brennend verschwindet der Zug
am Ende des Sommers im Finstern

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Endlos

Endlos rennt los.
Bleibt nicht stehen. Kann’s nicht sehen.
Wind treibt Tränen. Zeit zu dehnen.
Immer weiter, Graben und Leiter.
Füße brennen. Müssen rennen.

Endlos steht.
Einen Moment.
Herz hüpft wild. Lunge brennt.
Da der Stich. Ist das nicht…?
Endlos setzt, bevor es zerfetzt.
Einen Fuß. Ohne Gruß.
Läuft er weiter. Gar nicht heiter.
Ziemlich bitter. Hitze, Gewitter.

Kann kaum was erkennen.
Unscharf beim Rennen.
Doch sehr bewegt. Stillstand zerlegt.
Zeit im Griff. Bunte Fische am Riff.
Hoher Gipfel. Vögel im Wipfel.
Toller Garten. Kann nicht warten.

Denn ganz hinten.
Endlos weit. Aber bereit.
Kann er ihn sehen. Darf nicht stehen.
Immer entkommen. Berge erklommen.
Wälder zersägt. Küsten gefegt.
Endlos flieht. Endlos folgt.

Endlos fällt.
Endlos

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Samt

Ich musste Dich, ich musste mich
mühevoll und voll und lang
und erst dann, und gar nicht schnell
doch wissend, irgendwann – und unter Tränen
– gebären

Ich musste Dich, so schwer und wund
so vage und scheinbar ohne Grund
ich musste dich reißen, ziehen
ich habe Dir, ich habe mir verziehen

Vielleicht war es das
Und erst dann, konnte der blutrote
Vorhang fallen, schwer und dramatisch
– so hoch das Bühnendach,
so langes unheilschwangeres Rauschen

Angsterfülltes Lauschen erst
und absolute Ruhe dann
– blutrot und rauschend –
Lage um Lage

Und das Messer
Mit der langen, dünnen
ungewöhnlich edlen Klinge
entschuldigend und verstanden
dringt es in Dich, in mich ein

schwer, und rauschend,
dramatisch, klebrig und glänzend
– wie Samt –
faltet sich Lage um Lage
Dein, mein Blut auf den braunen Bühnenboden

Leicht erst und dann angenehm schwer
weicht der Atem aus mir, aus Dir
letztes Heben, letztes Senken
warmes Kribbeln, rostiger Geschmack
sinke ich, sinkst Du hinab
auf den braunen Bühnenboden

Mühevoll und voll und lang
und erst dann, und gar nicht schnell
Musste ich Dich, musste ich mich
wissend und unter Tränen
– töten

Um frei von uns zu sein
und endlich unsere Geschichte zu erzählen.

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In’s Gras

Bin ich immer jetzt
Darf ich gestern sein und bleiben
Muss ich morgen herbeisehnen
als wäre heute längst
heute

Darf ich Schnörkel leben
Umwege fahren
Umkehren, nach dem Weg fragen und zweifeln
und die Richtung ändern
immer wieder

Darf ich Spuren hinterlassen
Auf deiner Haut, unter meiner Haut
sinnlose Spuren
und die Schmerzen spüren
einfach so

Soll ich alles pflegen
mich, dich, uns
und morgen grüne Blätter,
frische Triebe, saftige Früchte
hervorbringen

Oder kann ich nur daran riechen
spüren und warten
bis sich Fliegen niederlassen
und braune Früchte im Gras verfaulen

Kann ich mich daneben legen
ins grüne Gras, ins welke, ins gefrorene
und grün fühlen und braun und kalt
bis alles verschwimmt und endlich Sinn ergibt
einen

Kann ich jetzt verachten
und morgen verfluchen
und gestern sein
gewesen sein
gewesen
sein

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Pragmatist

Einen Stich an sich
stecke ich weg
ist nur der Schreck

Ein Riss
das ist gewiss
verheilt mit Mühe

Bevor ich mich Mühe
würde ich gern wissen
werde ich es…
werde ich dich vermissen

ich frage kaum verbissen
nur wegen der Schmerzen
nicht im Rücken
im Herzen

Einen Stich
– ich habe es gesagt –
hat jeder schon mal gehabt

doch noch einen Riss
und ich zerreiße
endlos
immer

Nur kein Gewimmer
Pragmatist, der ich bin
macht es nur schlimmer
kriegen wir hin

also sagen sie mir
einen Stich nur mit Schreck
oder einen Riss
zum Zerreißen
ich werde pro forma mein Leidzimmer weißen

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Ich blute auf’s Papier

Ich blute auf’s Papier. Ich blute auf‘s Papier:
Was, was um alles in der Welt tue ich hier?

Das Blut läuft über den Tisch
Es scheint, es ist gar nicht ganz frisch
Es benetzt den Rand, färbt durstig weiß zu dunkelrot
das ganze Blatt: 7 Liter, tot

Ich kratze Zeichen in die getränkte Fläche
Worte reißen zu Löchern, es bilden sich Bäche
Keine Sätze, nur klebrige Fetzen
keine Poesie, nur gedankenloses Entsetzen

Ich blute, ich blute, bis ich den ganzen Raum flute
Überall rot, kein Weiß, kein Kontrast
nur ich selbst, nur du, alles verpasst

all die Luft, all das Fleisch, all der Zucker
nur klebriges Blut rinnt aus dem Drucker
keine Worte, kein Sinn und kein Gefühl
ich blute, ich blute, und das ist wirklich nicht viel

Dabei wollte ich nur Gedanken ranken,
wollte ganz sanft in Gefühlen wühlen,
wollte die ganz großen Bilder malen,
und auch ganz kleine, und vollkommen schräge

Als ich ich mir kraftvoll in den Unterarm säge
und da fließt das Blut, die Tinte der Dichter
da überspült mich die Flut
und ich werd‘ auch nicht mehr dichter

Ich blute, ich blute, nicht mehr auf’s Papier
ich flute die Welt, die war bisher gar nicht hier
Ich schwimme, ich schwimme
und zwar ziemlich schlecht, und ertrinke am Ende
Künstlerpech!

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Mich vermisse ich

Ich vermisse Mich
nicht in der Welt
nicht dazwischen
nicht im Verweilen
nicht im atemlosen Eilen
nicht zwischen Scheinwerfern
nicht im Licht der Leuchtreklamen

kein Funken in der Dunkelheit
funkelnder Raum in mir

Wo in der Welt?
Eingeklemmt zwischen hier und Dir
Jetzt, dann und gestern
Vorgestern erloschen

Nicht ganz
Ein Leuchtfaden im Irgendwo
Irgendwo hinterm Nirgendwo

Mich vermisse ich
Und Du Mich

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Sylvester war Sylvia auf Sylt

silvestersilviasiltSilvester war Silvia auf Silt
Sensible Gespräche mit
sympathischen siebenunddreißigjährigen
surfbegeisterten Sparkassenkarrieristen
so mag es die Silvi, immer schön sinnvoll

eine Sensation dieser Sören
mit streng gestylten Strähnen
schob er sein stylisches Phone
stürmisch in ihren Schoß
seine sekündlich synchronisierte Abschlepp-App
summte Silvi auf Silt in den siebenten Himmel

als der sensible Sören Silvi in seinem silberfarbenen Siebener
bei siedendheißen Simply Red-Symphonien
seine Sicht auf Sylt servierte und auf die Welt
sagte Silvi: so simpel?
Sören summte selbst gefällig
So gefiel das auch Silvi

Silvester auf Sylt segelte Silvia
nach – summa summarum –
sieben Sommern (und Wintern) der Suche
mit Sören sicher in seine Welt

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