Dunkel und schwer quält sich der Rauch aus den James Bond-Krater-großen Kühltürmen. Nur Wasserdampf, denke ich, nur Wasserdampf und versuche der nahenden Ohnmacht durch beherztes Luftholen zu entgehen. Mein Herz hüpft und pumpt neuerlich sauerstoffreiches Blut durch die Kanäle. Kurz darauf bleibt es beinahe stehen. „Halt stehen bleiben“, ruft nämlich ein Mann von einem Baum mit aufgesetzten Schulterstücken am Wollpulli und meint mich, nicht mein Herz. Ich atme noch einmal und denke: nur Wasserdampf, nur ein Pförtner mit schlechtem Friseur. Der Militärkanten lässt Militärkarriere vermuten, anhand des Tones, nicht der Schulterstücken, tippe ich auf Oberst der Staatssicherheit. Ich gebe zu, der Gedanke, wenn unter Umständen auch wahr, war gehässig. Ich diktiere meine Personalausweisnummer durch das Bierdeckelgroße Loch einer mindestens schusssicheren Plexiglasscheibe und denk schon wieder: Solche Scheiben hätten die am 11. September gebraucht. Obwohl es sicher gut gewesen wäre, die hätten die gleich beim Errichten der Türme eingebaut. Im Nachhinein sind solche Bauarbeiten ja immer irre aufwändig, gerade bei laufendem Bürobetrieb. Da gibt es ja immer einen kleinen Anwalt hinter einem großen Schreibtisch mit Blick über Manhattan, der auf sein Recht als Mieter pocht, mindestens drei Monate vor Beginn der Bauarbeiten über eben diese informiert zu werden. Hätten die also Anfang Juni 2001 schon anfragen müssen. Hätte der Anwalt damals aber nicht so gedrängelt, dann wäre er heute noch am Leben.
Ich denke: Schon wieder gehässig und stehe wieder vor dem Bierdeckelloch. Bevor die Frau vom Oberst auf der anderen Seite der Scheibe eine Nadel ansetzt und zur Genanalyse einen Tropfen Blut mit feuchten Lippen aus meinem Finger saugt, greife ich nach der Besucherkarte und durchbreche die hochgeleierte Schranke ohne Blessuren. Doch der Schreck sitzt nicht etwa auf der Rücksitzbank, sondern direkt in meinem Nacken. Als ich dem Lageplan folge und den Wagen erfolgreich „abparke“, legt sich ein Schatten über mich und die Welt. Hochhausgroße, graue Klötzer ohne Fenster. Ich wähne mich in einem Endzeitcomic und stelle mir den Schurken vor, wie er seine viel zu großen Schuhe auf seinem klaviergelackten Schreibtisch abparkt und zuschaut, wie der Konkurrent in einem Becken mit mutierten Goldfischen versenkt wird. Von hinten rempelt mich ein Mann an. Männer auf Fahrrädern sehen ja meistens irgendwie lustig aus. Okay, wenn Lance Armstrong mit schornsteindicken Oberschenkeln auf einer 90 Grad-Steigung lässig nach hinten smiled und dann den Außenborder anwirft, davon pfeift, dass kein EPO der Welt diesen Antritt rechtfertigt, dann ist das schon recht beeindruckend. Aber dieser Zweiradwachmann sah aus, als würde ihm trotz Fahrtwind eine Bierfahne vorauseilen, als wäre er nach Feierabend auf dem Weg zu seinem Kleingarten, nur um nach zwei Reihen umgraben in die angeschlossene Kleingartenkneipe überzuwechseln. Doch der Gartenfreund machte mich überpflichtbewusst auf fehlende Sicherheitsschuhe, den nicht vorhandenen Helm und das Loch im Baustellenzaun aufmerksam, durch das er mich schlüpfen gesehen haben will. „Hier gilt Baustellenrecht“, hebelte er meine Welt aus den Angeln. Ich will mich aus seinem verbalen Griff befreien, doch blitzschnell erkennt er mein Winden und greift nach meiner Jacke. Ich, nach dem Fall der Mauer unter freiheitlichen Prämissen immerhin 1 Meter 83 groß geworden, sehe mein Leben an mir vorbeiziehen. Sehe wie es mich überholt und sehe mich am Grund eines dieser James Bond-Krater-großen Kühltürme an einen Stuhl gefesselt sitzen, während der Schurke aus dem Endzeitcomic neben mir Recyclingmüll verbrennt und hysterisch schreit: „Nur Wasserdampf, nur Wasserdampf“. Ich frage laut: „Ob sich Prostituierte generell auf das Verkehrsrecht berufen können?“, lache und verschwinde für immer. Im „Wasserdampf“.