In was für Zeiten leben wir eigentlich? Gerade haben wir den Krieg, den real existierenden Sozialismus und das Ozonloch überstanden und alles war auf dem besten Wege total kuschelig zu werden… Und jetzt? Klimaerwärmung, Mistwetter, Immobilienkrise, Bankencrash, Staatsverschuldung, Griechenland, demographischer Wandel, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Guido Westerwelle, Horst Köhler … alles im Eimer. Wer sich zuerst bewegt, der hat verloren. Für aufgeblasene Emporkömmlinge mit Machtkomplex bietet diese Situation fruchtbaren Boden. Wenn sich niemand bewegt, aus der Angst, es könnte noch schlimmer werden, dann finden die haltlosesten Ideen und Profilierungsversuche schnell ihre Anhänger. Wenn also Guido Westerwelle Harz IV-Empfängern spätrömische Dekadenz vorwürft oder Roland Koch kurz vor seinem Abgang bei der Zukunftsvision, die finanziell gebeutelten kommenden Generationen auch noch ungebildet ins Leben zu schicken, die Augen leuchten, freut sich der Bürger doch ein Bein aus (Spart jedenfalls beim nächsten Schuhkauf). Noch mehr Auftrieb gibt die allgemeine Starre den angstgetriebenen Nazis. Die benutzen mittlerweile auch die social Networks (natürlich würde der gute Faschist nie einen Anglizismus verwenden) für ihre verklemmte Hexenjagd. Und finden über tausend Anhänger, die offen zu den verqueren Ideen basierend auf einer egozentrischen Tunnelblickphilosophie stehen. Immerhin muss der Neuntklässler heute gar nicht unbedingt „Die Welle“ lesen, um zu verstehen, „wie das damals passieren konnte“, er muss nur die Facebookseite der NPD anklicken und findet eindrucksvoll Antwort. Abgrenzung als einzige Möglichkeit aufkommende Verunsicherung zu ersticken.
Man könnte also weiter hyperventilierend in der Ecke sitzen und warten, was passiert. Man könnte morgens zur Arbeit radeln, wenn man eine hat, nachmittags die Tomaten im Kleingarten ernten und aller vier Jahre zur Wahl gehen oder nicht. Man könnte sich am Wochenende in die Kneipe setzen und saufen und jammern und bitte keine Verantwortung übernehmen; nicht für die Vergangenheit, nicht für die Zukunft und um Gottes willen schon gar nicht für die Gegenwart. Man könnte VOX und RTL schauen, Dudelfunk hörend die BILD lesen und darauf warten, dass Tine Witler das überschuldete Haus vertickt, Katia Saalfrank die Blagen erzieht, Peter Zwegert aus der Schuldenfalle hilft und Günther Jauch die dramatische Rettungsaktion am Jahresende tränenbringend zu Zeitlupenbildern kommentiert. Notfalls könnte man auch auswandern und seinen Traum vom privaten Winterdienst auf Mallorca umsetzen.
Am Ende verlangt aber niemand Heldentaten, sondern nur ein wenig Flexibilität und etwas Mut. Natürlich ist politisches Engagement löblich, wenn auch zäh. Reichen würde es aber schon, mal rechts und links der eigenen Trampelpfade zu schauen. Einem Verein beizutreten, ins Theater zu gehen, gern auch ins Kino, eine Zeitung zu lesen, mal in einem Buch nachzuschlagen, den Fernseher auszuschalten und selbst auf Empfang zu gehen. Der Anfang jeder Veränderung ist es, den Geist zu öffnen. Es geht nicht darum, diszipliniert zu zuhören, sondern darum, zu verstehen. Durch probieren und fragen. Wenn man Kinder beobachtet, sieht man schnell, dass das ein naturgegebener Reflex ist, der vielen von uns erfolgreich ausgetrieben wurde. Also lasst den 1. Juni einen Startschuss sein, um den Dunst zu vertreiben, längst überholte Konventionen abzustreifen und uns ein Stück kindliche Neugier und unvoreingenommenes Interesse Neuem gegenüber zurückzuerobern. Dann haben verschnarchte Verwalter und verstrahlte Verführer demnächst keinen Boden zum Errichten ihrer Betonbunker.