Es ist nicht so, dass ich nichts Besseres mit meiner Zeit anzufangen wüsste, aber manchmal zwingt sie mich einfach dazu. Sie selbst liebt es natürlich. Es wundert mich sowieso, dass ich nicht einmal im Jahr die Scharniere an ihrem austauschen muss, denn im Gegensatz zu ihr öffne ich meinen Kleiderschrank nur einmal am Tag. Morgens, um mir meine Klamotten für den Tag anzuziehen, für den ganzen. Sie hat Sachen für vor dem Frühstück, für nach dem Frühstück, für außerhalb der Wohnung, für innerhalb der Wohnung, für die Arbeit, die Kneipe, das Theater… Manchmal reichen ihr ihre Klamotten, die sich von ihrem Schrank über Teile meines Schrankes bis in eine eigene Kommode mit vier Schubfächern ausgebreitet haben, aber nicht mehr aus. Dann will sie mit meinen spielen. Also setze ich mich geduldig auf unser Bett und sie präsentiert mir jedes einzelne meiner Kleidungsstücke.
Natürlich erstaunt es mich immer wieder, was sie da aus dem Schrank zieht. Denn mein Ablagesystem hat etwas von diesen Querschnitt-Abbildungen der verschiedenen Bodenschichten aus dem Geografieunterricht. Oben liegt das frische Laub: Sachen die ich täglich trage, die noch ganz locker und bunt herumhängen und liegen. Darunter die Stücke für besondere Anlässe, wie die Badehose, die Beerdigungshose, der Anzug vom Abschlussball. Im weitesten Sinne also die Funktionskleidung. In dieser Schicht des Kleiderschrankes ist der Druck schon etwas größer. Das hält die Bügelwäsche schön glatt, sorgt aber für ziemlich scharfe Falten an den Zusammenlegestellen. Darunter kommt die Kohle: Sachen, die sich wegen des großen Druckes scheinbar verändert haben. Hosen, Hemden, T-Shirts und Pullover, an die ich mich einfach nicht mehr erinnern kann. Die ich mir anschaue und denke: Warum habe ich das, was ist damit passiert? Natürlich müsste die Frage richtig heißen: Was ist mit mir passiert? Die Antwort lautet dann: Ich bin mittlerweile über 30. Die Sachen aber sind noch immer Teenager aus den frühen 90ern. Sie ist dann schnell dabei, holt den Sack der Altkleidersammlung und lässt die Stücke darin verschwinden. Manchmal kann ich einzelne Teile aber retten. Schließlich schmeiße ich auch keine alten Fotos von mir weg, nur weil sie mir heute nicht mehr ähnlich sehen.
Diese Altkleidersäcke machen mich sowieso nervös. Ich stelle mir immer vor, wie ich im Bäcker hinter einem langhaarigen, dünnen Typen stehe, der meine ausgeleierte sandfarbene Cordhose, das wild gestreifte Shirt und die ausgelatschten Turnschuhe trägt. Ich klopfe ihm auf die Schulter und drehe mich dann zu meinem 31-jährigen Ich um und dann merke ich, das ich ja das 31-jährige Ich bin und mein Gegenüber höchstens 17 ist und auch ich…irgendwie ziemlich Lynchig jedenfalls: „Lost Kleidung“. Kleiderschrank aufräumen baut also psychischen Leidensdruck bei mir auf. Doch sie lässt das als Entschuldigung nicht gelten und ich muss anschauen, entscheiden, begründen und wenn es ganz hart kommt, dann muss ich sogar anprobieren.
Doch es gibt auch gute Momente, denn ich oder eher sie findet gute Stücke wieder, gern getragene Stücke, fast neue, in Vergessenheit geraten, weil sie erst die Böschung ins Innere des Schrankes herabstürzten und dann unter eine Lawine nachrutschender Kleidungsstücke begraben wurden. Zum Schluss gibt es übrigens eine Belohnung von ihr für mich: Duftsäckchen gegen Schrankgeruch. Vielen Dank!