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Tod

Unter der Linde

Unter der uralten Linde
– Nicht ein Blatt bewegt sich im Winde –
Ruht die stramme Gerlinde
Bedeckt nur von zartestem Blumengebinde

Klaus, ihr Witwer, mit dem aschfahlen Gesicht
Und auch die fünf dünnen Kinder
finden, und nicht nur gelinde,
das Ganze doch irgendwie schade

Ganz anders,
Natur ist Zynismus egal,
sieht das,
reich gesegnet mit Kindern auch sie,
die fromme Frau Mutter Made

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Nachsaison

Durch die Luft fliegt rauschend: eine halbtote Taube
Fällt ungefragt und -gebraten in mein Gesöff aus der Traube
Die früh verfaulte Kastanie stürzt sich vom morschen Baum
Gesellt sich zum steifen Geflügel in den stinkenden Schaum

Der Himmel, immer der Himmel, ist ekelerregend blau
Gespiegelt im brodelnden Wasser, färbt sich das Bild grün und grau
Kühe, Schafe und Pferde hinter knisternden Zäunen
Fallen dumpf vom Hang, litten unter ungleichen Beinen

Rumpelnde Wagen fahren quietschend auf bröckelnden Straßen
Todessehnsüchtige Fahrer überholen vor Kurven und rasen
Pfeifend, fauchend und sterbend quält sich durchs Kartenmotiv
Ein Zug auf zerbröselnden Schienen hin zum Abhang, so tief

In überfüllten Cafés, entlang verlassener Straßen
Versuchen in beige und in grau alte Menschen die Szene zu fassen
Ihre blutigen Tränen tauchen alles in romantisches Rot
Ein Kellner stolpert über’s Eisbärfell und ist auf der Stelle tot

Aber die Sonne, sie scheint, man hat den verbrieften Spaß
Gliedmaßen segeln vom Rumpf, ich schwöre, ich rieche Gas
Und am exklusiven Strand, im Schatten schimmelnder Liegen
Ganz am Ende der teuren Saison, scheint noch jemand zu liegen

Schnell kratzen Federn und Minen Lügen auf buntes Papier
Zungen lecken lüstern an Marken, schmecken nach schalem Bier
Würgend erhebt sich die Taube, aus meinem Traubensaft
Trägt den Brief in die Heimat, tut das mit letzter Kraft

Grau wedeln Tücher zu Massen
zum Abschied aus tausenden Fenstern
Brennend verschwindet der Zug
am Ende des Sommers im Finstern

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Samt

Ich musste Dich, ich musste mich
mühevoll und voll und lang
und erst dann, und gar nicht schnell
doch wissend, irgendwann – und unter Tränen
– gebären

Ich musste Dich, so schwer und wund
so vage und scheinbar ohne Grund
ich musste dich reißen, ziehen
ich habe Dir, ich habe mir verziehen

Vielleicht war es das
Und erst dann, konnte der blutrote
Vorhang fallen, schwer und dramatisch
– so hoch das Bühnendach,
so langes unheilschwangeres Rauschen

Angsterfülltes Lauschen erst
und absolute Ruhe dann
– blutrot und rauschend –
Lage um Lage

Und das Messer
Mit der langen, dünnen
ungewöhnlich edlen Klinge
entschuldigend und verstanden
dringt es in Dich, in mich ein

schwer, und rauschend,
dramatisch, klebrig und glänzend
– wie Samt –
faltet sich Lage um Lage
Dein, mein Blut auf den braunen Bühnenboden

Leicht erst und dann angenehm schwer
weicht der Atem aus mir, aus Dir
letztes Heben, letztes Senken
warmes Kribbeln, rostiger Geschmack
sinke ich, sinkst Du hinab
auf den braunen Bühnenboden

Mühevoll und voll und lang
und erst dann, und gar nicht schnell
Musste ich Dich, musste ich mich
wissend und unter Tränen
– töten

Um frei von uns zu sein
und endlich unsere Geschichte zu erzählen.

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