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Bis die Haut reißt

Im gusseisernen Rost
Unter der abgeschliffenen Bordsteinkante
In der regennassen Nacht

Unter der uralten Couch
Mit all ihren Geschichten
Versunken in der holzigen Füllung

Oder einfach weggeworfen
Schon wieder
In der grauen Tonne im Hinterhof

Vielleicht aber versteckt
Hinter all den Bildern
Zwischen maßlosen Gefühlen

Man müsste dort mal wühlen
Bis die Haut reißt
Bis die Knochen bersten

Oder warten und lauschen
Sehnsüchtig und voller Vertrauen
Willkommen heißen

…Nägel kauend
Trinkend und rauchend
Ungeduldig und wütend.

Im gusseisernen Rost
Unter der zerbrochenen Bordsteinkante
Im Eis der Winternacht

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Nachsaison

Durch die Luft fliegt rauschend: eine halbtote Taube
Fällt ungefragt und -gebraten in mein Gesöff aus der Traube
Die früh verfaulte Kastanie stürzt sich vom morschen Baum
Gesellt sich zum steifen Geflügel in den stinkenden Schaum

Der Himmel, immer der Himmel, ist ekelerregend blau
Gespiegelt im brodelnden Wasser, färbt sich das Bild grün und grau
Kühe, Schafe und Pferde hinter knisternden Zäunen
Fallen dumpf vom Hang, litten unter ungleichen Beinen

Rumpelnde Wagen fahren quietschend auf bröckelnden Straßen
Todessehnsüchtige Fahrer überholen vor Kurven und rasen
Pfeifend, fauchend und sterbend quält sich durchs Kartenmotiv
Ein Zug auf zerbröselnden Schienen hin zum Abhang, so tief

In überfüllten Cafés, entlang verlassener Straßen
Versuchen in beige und in grau alte Menschen die Szene zu fassen
Ihre blutigen Tränen tauchen alles in romantisches Rot
Ein Kellner stolpert über’s Eisbärfell und ist auf der Stelle tot

Aber die Sonne, sie scheint, man hat den verbrieften Spaß
Gliedmaßen segeln vom Rumpf, ich schwöre, ich rieche Gas
Und am exklusiven Strand, im Schatten schimmelnder Liegen
Ganz am Ende der teuren Saison, scheint noch jemand zu liegen

Schnell kratzen Federn und Minen Lügen auf buntes Papier
Zungen lecken lüstern an Marken, schmecken nach schalem Bier
Würgend erhebt sich die Taube, aus meinem Traubensaft
Trägt den Brief in die Heimat, tut das mit letzter Kraft

Grau wedeln Tücher zu Massen
zum Abschied aus tausenden Fenstern
Brennend verschwindet der Zug
am Ende des Sommers im Finstern

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In’s Gras

Bin ich immer jetzt
Darf ich gestern sein und bleiben
Muss ich morgen herbeisehnen
als wäre heute längst
heute

Darf ich Schnörkel leben
Umwege fahren
Umkehren, nach dem Weg fragen und zweifeln
und die Richtung ändern
immer wieder

Darf ich Spuren hinterlassen
Auf deiner Haut, unter meiner Haut
sinnlose Spuren
und die Schmerzen spüren
einfach so

Soll ich alles pflegen
mich, dich, uns
und morgen grüne Blätter,
frische Triebe, saftige Früchte
hervorbringen

Oder kann ich nur daran riechen
spüren und warten
bis sich Fliegen niederlassen
und braune Früchte im Gras verfaulen

Kann ich mich daneben legen
ins grüne Gras, ins welke, ins gefrorene
und grün fühlen und braun und kalt
bis alles verschwimmt und endlich Sinn ergibt
einen

Kann ich jetzt verachten
und morgen verfluchen
und gestern sein
gewesen sein
gewesen
sein

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Ich blute auf’s Papier

Ich blute auf’s Papier. Ich blute auf‘s Papier:
Was, was um alles in der Welt tue ich hier?

Das Blut läuft über den Tisch
Es scheint, es ist gar nicht ganz frisch
Es benetzt den Rand, färbt durstig weiß zu dunkelrot
das ganze Blatt: 7 Liter, tot

Ich kratze Zeichen in die getränkte Fläche
Worte reißen zu Löchern, es bilden sich Bäche
Keine Sätze, nur klebrige Fetzen
keine Poesie, nur gedankenloses Entsetzen

Ich blute, ich blute, bis ich den ganzen Raum flute
Überall rot, kein Weiß, kein Kontrast
nur ich selbst, nur du, alles verpasst

all die Luft, all das Fleisch, all der Zucker
nur klebriges Blut rinnt aus dem Drucker
keine Worte, kein Sinn und kein Gefühl
ich blute, ich blute, und das ist wirklich nicht viel

Dabei wollte ich nur Gedanken ranken,
wollte ganz sanft in Gefühlen wühlen,
wollte die ganz großen Bilder malen,
und auch ganz kleine, und vollkommen schräge

Als ich ich mir kraftvoll in den Unterarm säge
und da fließt das Blut, die Tinte der Dichter
da überspült mich die Flut
und ich werd‘ auch nicht mehr dichter

Ich blute, ich blute, nicht mehr auf’s Papier
ich flute die Welt, die war bisher gar nicht hier
Ich schwimme, ich schwimme
und zwar ziemlich schlecht, und ertrinke am Ende
Künstlerpech!

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Sylvester war Sylvia auf Sylt

silvestersilviasiltSilvester war Silvia auf Silt
Sensible Gespräche mit
sympathischen siebenunddreißigjährigen
surfbegeisterten Sparkassenkarrieristen
so mag es die Silvi, immer schön sinnvoll

eine Sensation dieser Sören
mit streng gestylten Strähnen
schob er sein stylisches Phone
stürmisch in ihren Schoß
seine sekündlich synchronisierte Abschlepp-App
summte Silvi auf Silt in den siebenten Himmel

als der sensible Sören Silvi in seinem silberfarbenen Siebener
bei siedendheißen Simply Red-Symphonien
seine Sicht auf Sylt servierte und auf die Welt
sagte Silvi: so simpel?
Sören summte selbst gefällig
So gefiel das auch Silvi

Silvester auf Sylt segelte Silvia
nach – summa summarum –
sieben Sommern (und Wintern) der Suche
mit Sören sicher in seine Welt

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Leute, die beim Radio anrufen

leute die beim radio anrufenLeute, die beim Radio anrufen,
rufen mal beim Radio an
– einfach so –
freuen sich,
für alle hörbar,
dann ein Loch in‘ …

Warnen uns vor bösen Blitzern,
grüßen Mutti, reißen Witze
Treiben seichtes Rumgeseire
kichernd auf die Spitze

oder gibt’s was zu gewinnen
Tasse, Socken, Lockenstab
Jubeln Gabi, Thorsten, Jochen
Und ich schalte ab

Freunde haben die wohl keine
Keinen Hund, kein Hairstylist
Quäl doch mal ne Service-L(e)in(e)
Radio-Anruf-Egoist!

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Dauercamper

Dauercamper campen dauernddauercamper
wickeln, zurren, fegen, hämmern
machen keinen Urlaub machen
Alltag – von Morgengrauen bis Abenddämmern

Kochen, Backen, Waschen, Essen,
Essen, Essen, Essen, Essen
Duschen, Pinkeln, Füße waschen!
Meer und Sonne längst vergessen

Und nach sieben langen Wochen:
Aus dem Vorzelt rausgekrochen
Vernageln alles, verpacken Dinge
Staubiger Fiat, auf dem Rücksitz die Inge
Ab nach Hause, endlich wieder…

Wickeln, Zurren, Fegen, Hämmern
Scheiß auf Urlaub – Herbst bis Juli
Alltag – von Morgengrauen bis Abenddämmern

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Bon Voyage!

130111_Wohin soll denn die ResieWohin soll denn die Reise gehen? Im engen Korsett des antifaschistischen Schutzwalls war diese Frage, die landauf landab in die Musikstunden einer jeden POS kurz vor den Sommerferien gehörte, nicht mehr als bitterer Zynismus. Nun steht uns die Welt aber tatsächlich offen – geografisch, politisch, religiös, beruflich, sexuell… Gerade zu Beginn eines neuen Jahres darf also gefragt werden: Wo geht’s lang in Zwo-Elf? (mehr …)

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Planet der Affen

130111_Herr NDer N schlägt den Kragen hoch. Was hatte ihn nur hinausgetrieben in diesen verregneten Dienstag. „Die Angst war es, die Angst“, flüstert sein Herz, während es warmes Blut in seine kalten Füße pumpt. Mit seinen dünnen Fingern wischt er den Gedanken mit dem Regen aus seinem Gesicht. Die Schultern hochgezogen, alle Muskeln angespannt, läuft er steif dem Tag entgegen. Morgenstund hat Gold im…naja, wo eigentlich? (mehr …)

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James Dean for a Day

„Ganz selten passiert es, da quält sich aus dem großen Meer historischer Bedeutsamkeiten eine Welle an die Oberfläche und schäumt in frischer Gischt, als wären die vergangen Jahrzehnte nicht gewesen“, so leitet der Plattenverkäufer meine ungewöhnliche Auswahl ein. „Der Lou Reed“, schüttelt die aufwendig frisierte Endfünfzigerin neben mir in breitem Sächsisch den Kopf, „nee, nee, der Lou Reed (Luuh Rrried), ja, ja“. (mehr …)

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