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Blutige Pilze!

blutige pilzeWofür würde ein buddhistischer Mönch diese Zeilen benutzen? Würde er ein Mantra immer und immer wieder versonnen in die Tatstatur streicheln, in sich ruhend, mit sich selbst und der Welt im Reinen? Ich habe im Zustand größter Ausgeglichenheit versucht, diese Seite zu füllen: Es gelang mir nicht. Doch ich will gar nicht erörtern, wann für mich und für Sie, liebe Leserin, der Zustand größtmöglicher Ausgeglichenheit eintritt. Obwohl es mich jetzt, da ich diese Überlegung so entschieden von mir weise, schon ein wenig reizt, diesem Gedanken zu folgen. Ich tue es nicht.

Wut bringt mich da schon ein Stück weiter, sicher ist sie keine weise Beraterin, doch sie versetzt das Blut in Wallung. Sie schüttet diese ganzen verrückten Hormone aus, wie sie kein tschechischer Hobbychemiker in seinem sonnigen Holzverschlag im Böhmerwald besser zusammenmixen könnte. Niemand bringt wahrscheinlich mit Dauerwut (nicht zu verwechseln mit Dauerwurst) im Bauch ein Literaturnobelpreiswürdiges Meisterwerk hervor. Doch für einen bösartigen, kleinen Roman, ein verrücktes, achtzigseitiges Sachbuch oder eine diskreditierende, stümperhafte Bestseller-Autobiografie ist Wut ein zuverlässiger Motor.

„Was wird sie denn in den zurückliegenden Wochen wütend gemacht haben?“, denke ich mir und stoße wutentbrannt die Tasse mit dem angetrockneten Kaffeesatz vom Tisch. Ja, das fühlt sich gut an! Natürlich habe ich die Tasse gezielt gestoßen – Wut will ja gut dosiert sein – und so ist sie direkt in den Papierkorb gestürzt, was mir den Aufwand der Teppichreinigung erspart. Ein wütender Anfang, immerhin. Doch zurück zu ihnen, liebe Leserin. Vielleicht hat ihnen ja der Penner aus dem fünften Stock, der eh immer besoffen ist und noch nach Mitternacht klappernd auf seinem Balkon die leeren gegen volle Bierflaschen tauscht,  seinen vertrockneten Weihnachtsbaum auf den Kopf geworfen. Hätte er sie mit dem benadelten Stock k.o. geschlagen, wäre nichts passiert. Doch der Typ hatte schon zweiacht auf dem Kessel und hat ihnen nur eine hässliche Fleischwunde verpasst. Ein dicker Hautlappen hängt von ihrer Schulter, blutig verklebt mit der zerrissenen, nagelneuen H&M-Strickjacke, der Knochen ist zu sehen, die Schulter wahrscheinlich nur ausgekugelt. Sie reißen am Bauch einen streifen Stoff von ihrem T-Shirt, binden das blutige Elend zusammen, und sprinten –abgefüllt mit Adrenalin – die Treppe hinauf. Okay, als sie im dritten Stock an ihrer Wohnungstür vorbeipfeifen, merken sie, dass sie gewöhnlich eher Fahrstuhlfahrer sind, doch die brennende Wut treibt sie Stufe für Stufe voran. Sie holen aus und treten die Tür ein, denken sie noch während sie ausholen. Doch noch niemand hat eine nach außen öffnende Tür mit grünen Gummicloggs zertrümmert.

Also humpeln sie nach Hause und beginnen damit, einen giftigen Pilzführer für den mitteldeutschen Mischwald zu schreiben. Als sie ihr Werk im Frühjahr bei der Buchmesse präsentieren, ist die Schulter verheilt und auch der gebrochene Zeh ist vergessen, da steht ihr Nachbar vor Ihnen, die Sau. Er will ihr Standardwerk der Mykologie mit einer Autorensignatur aufwerten, als Geburtstagsgeschenk für seine geliebte Omi. „Schreiben Sie: Für meine liebe Omi, zum 87.“ Ihr Stift zittert, als sie Buchstabe an Buchstabe reihen. In schönster Schulausgangsschrift schreiben sie: Für meine liebe Omi, zum 89! Rache ist süß! Sie sind böse! Wut ist eine scheißgute Schreibmaschine!

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