Kurz vor dem Jahreswechsel konnte ich zum Abschalten nicht mal mehr Anschalten – also den Fernseher. Ständig sah ich meine gerade beendete Vergangenheit in epischen Bildern als historisch anmutenden Rückblick auf das angeblich vergangene erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends über meinen „pervers großen Fernseher“ flimmern. Und wer, wie ich, bereits das dritte Lebensjahrzehnt beendet hat, der erkennt schon an diesem Zitat (Trainspotting: Buch 1993, Film 1996) mein Dilemma: Ich habe noch nicht einmal mit den Neunzigern abgeschlossen. Zwar habe ich in den zurückliegenden zehn Jahren, gerade auch als mittlerweile intensiver Amazon-Nutzer, meine Neunzigerjahre-CD-Sammlung durch den Erwerb von Neuerscheinungen zu verwässern versucht, allein, gelungen ist es mir kaum. Erst neulich wurde ich komplett rückfällig und habe ein – immerhin – neu erschienenes Nirvana-Live-Album erstanden. Vollkommen Old School und total Neunziger habe ich dazu tatsächlich einen Fuß vor den anderen gesetzt, um in einem Fachgeschäft durch die Regale zu stöbern und an der Kasse – total Achtziger – mit Bargeld zu bezahlen.
Ganz anders ist es mit meiner Bekleidung. Nachdem ich in den frühen Neunzigern irgendwann die Turnschuhe an den Nagel hing und nur noch schweres Schuhwerk möglichst mit Stahlkappe trug, bin ich nun wieder Turnschuhträger und sehe auch meine kleine Schwester, die in vier Jahren halb so alt wie ich sein wird (bitteschön, liebe Rätselfreunde), auf sportlichen Sohlen. Allerdings erinnern die mich wiederum an das, was ich noch in den mittleren Achtzigern gern im Turnbeutel zur Plattenbauschulturnhalle trug: Das Revival der Essengeldtreter! Mit dem richtigen Stern belabelt kosten die Dinger heute aber so viel, wie damals das Essen im Interhotel für eine sechsköpfige Familie, also in Forumschecks.
Und auch politisch scheint uns das neue Jahrzehnt in die Vergangenheit zu führen. Angela Merkel trägt die Frisur von Maggie Thatcher auf, Guido Westerwelle war nie weg und ist trotzdem wieder da, hat die FDP gleich mitgebracht und die wiederum Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die ja auch schon mal da war. Eigentlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Amerika wieder ein Busch wächst. Sorry, ich meine, bis in Amerika wieder ein Bush heranwächst. Der könnte dann Barack Hussein „Yes we could“ Obama vom Sockel schießen und die USA dort hinführen, wo sie sich in den zurückliegenden Dekaden so wohl gefühlt haben: in den Krieg.
Natürlich darf man all die Naturkatastrophen, extremistischen Übergriffe, wirtschaftlichen Zusammenbrüche (Was war noch mal „New Economy“? Schöne Grüße an die Telekomaktionäre!) nicht vergessen. Bestenfalls sollten sie uns eine Lehre sein und uns zu Besonnenheit auf dem Weg in eine bessere Zukunft verhelfen. Mehr Zukunft kann ich aber kaum aus der Vergangenheit pressen. Wo wir bei „pressen“ sind: Elvis Presleys Erben konnten das auch im vergangenen Jahrzehnt (Nullerjahre) sehr gut. Nicht nur, dass er, wie so viele Verstorbene (siehe Nirvane, 1. Abschnitt), ständig neue Tonträger mit altem Material veröffentlicht. Mit dem Remix „A Little Less Conversation“ hatte der 2002 mit beinahe siebzig Jahren und knapp 25 Jahre nach seinem Ableben einen weltweiten Nummer-Eins-Hit.
Das Fernsehen hat also nicht gelogen: Ich bin längst Geschichte. Was aber nicht heißt, dass ich nicht auch in der Zukunft – vielleicht schon morgen – ein Revival erlebe. Obs so gut wird wie damals, das bleibt abzuwarten. Aber bei Mickey Rourke hats ja auch geklappt. Schöne Aussichten also!