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Danke, Celine!

celineNormalerweise stehe ich in der Straßenbahn. Die zunehmenden Erschöpfungen des Alltags, die morgendliche Tageszeitung und der dampfende Coffee to go in der Hand zwingen mich aber immer öfter in die engen Sitzreihen. Als ich den Widerstand aufgab und neben einem frisch rasierten, wahrscheinlich politisch motivierten, potenziellen jugendlichen Gewalttäter Platz nehmen musste, saß ich angesichts seines ideologisch aufpolierten und hantelbanktrainierten Egos nur auf einer Backe und somit ziemlich unbequem. Doch was drang da aus seinem In-Ear-Kopfhörer an mein Ohr: „Your’re here, there’s nothing I fear, and I know that my heart will go on” Ich schwöre, das war Celine Dion!

Eine Begegnung, die mich beschäftigt hat. Da versucht man Klischeebilder zu überwinden. Informiert sich, ist offen und interessiert, aber am Ende guckt man doch nur von außen auf die Köpfe, in verschlossene Gesichter und inszenierte Identitäten. Klar, bei Facebook, StudiVZ oder Xing lege ich einen Auftritt hin, der sich gewaschen hat: Jung, schön, erfolgreich und tooootal glücklich. Doch wer denkt, das wahre Leben draußen auf der Straße ist echter, der liegt so was von daneben.

Was war also los im kahl rasierten Kopf? Was war los im schweren Herzen? Kann sich dieser Mann Gefühle leisten, empfindet er Trauer, Scham und Schmerzen? Und wenn das so ist, trifft das auch auf die abgestumpfte Zugbegleiterin zu, auf den schlüpfrigen Gynäkologen, auf den zugekoksten Investmentbänker, etwa auch auf mich?

An dieser Stelle sollten wir kurz in uns gehen. Gaaanz tief in den Bauch atmen, alles abstreifen, nur auf die Atmung konzentrieren. Und füüüüühlen! Wer hat da gelacht? Danke! Zynismus ist sehr heilsam! Wenn man den aber auf eine abendliche, biergeschwängerte Dosis herabstuft und ihn nicht gleich früh mit der ersten Kippe einsaugt, könnte man dieses Experiment annehmen: Leidet der grimmige Zeitungsverkäufer unter seiner grimmigen Frau und die unter ihrer Verdauung, ihren schweren Beinen und ihrer herrischen Mutter? Und ist die herrische Mutter nur herrisch, weil ihre Mutter zwölf Kinder und den Acker bestellen musste und ihr nichts anderes übrig blieb, als herrisch zu sein, schließlich kam Hans nicht aus Russland zurück.

Ist der schnippische Telefonverkäufer nur schnippisch, weil seine Eltern alles richtig machen wollten und alles falsch gemacht haben und er deshalb weder im Sandkasten noch im Schwimmbad und schon gar nicht in der Disko akzeptiert wurde? Was fühlt die Politesse, wenn sie mich aus der Einganstür auf meinen Wagen zustürzen sieht, um einem Ticket zu entgehen? Ist das Genugtuung, als Ausgleich für die Ohrfeige, die sie ihrem vorlauten Teenagersohn heute Morgen nicht gegeben hat oder ist es Mitleid, angesichts meines sinnlosen Versuches, das Unausweichliche zu verhindern? Das Leben ist kein Ponyhof, sondern die Ponderosa- oder die Southfolk-Ranch (Bonanza, Dallas). Überall Freud und Leid und dazwischen, ums mit dem Kabarettisten und Schauspieler Michael Ehnert zu sagen: Spacken aus Angst!

Als der offensichtlich aggressive Straßenbahnfahrer (Spielschulden? Frau betrogen? Magengeschwür?) eine Vollbremsung hinlegt und ich beinahe vom Sitz falle, greift die eiserne Faust des gefühlvollen Skinheads nach mir. Meine ängstlich dankenden Geste pariert er mit unsicherer Mine, stolpert aus dem Wagon und rempelt auf der Straße ein Schulkind um. Ich bin verwirrt! Ein wenig traurig, ein wenig glücklich und ich höre Celine Dion singen: „Near, far, wherever you are, I believe that the heart will go on.“

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