Mein Leben als Ich Rotating Header Image

James Dean for a Day

lou reed„Ganz selten passiert es, da quält sich aus dem großen Meer historischer Bedeutsamkeiten eine Welle an die Oberfläche und schäumt in frischer Gischt, als wären die vergangen Jahrzehnte nicht gewesen“, so leitet der Plattenverkäufer meine ungewöhnliche Auswahl ein. „Der Lou Reed“, schüttelt die aufwendig frisierte Endfünfzigerin neben mir in breitem Sächsisch den Kopf, „nee, nee, der Lou Reed (Luuh Rrried), ja, ja“. Ihr Blick schweift in die Vergangenheit eines laut beschallten Kulturhauses in den späten Sechzigern. Schon damals trug sie die gleiche Frisur, etwas lockerer saß sie auf ihrem Kopf. Die Locken wippten, bewegt durch einen sanften Bass: „doo do doo do doo do do doo“, kehrt sie aus ihrer Vision ins Jetzt zurück. „Hey Shuga, take a Walk on the wild Side!“, stimmt der Plattenverkäufer ein. Mit einem unglaublichen Sprung steht er auf seinem Verkaufstresen und kickt mit einer Bewegung, die tiiiiiief aus der Hüfte kommt, links und rechts Flyer in die unendlichen Weiten eines Mega-Music-Stores. Die bunten Blätter explodieren in der Luft und werden zu einem dichten Konfettiregen. „doo do doo do doo do do doo“: Die Endfünfzigerin schiebt ihren schweren Pelz von den Schultern und bringt mit einem Hüftschwung den Plexiglasaufsteller, aus dem ich die Lou Reed-Platte gefingert hatte, aus dem Gleichgewicht. Mit einem lauten Knall ergießen sich die bunten Plastikhüllen über den Boden. Die Frau schiebt ihr schwarzweißes Cocktailkleid über die Knie und nimmt Anlauf. „Hey Babe, take a Walk on the wild Side“, brüllt der Verkäufer exstatisch zum Takt der nicht hörbaren Bassgitarre. Der rechte Fuß der Frau berührt den Verkaufstresen, unter ihrem linken löst sich der Plexiglasaufsteller, den sie als Stufe benutzt hatte, mit einem kurzen Kreischen in feinen Glitter auf, der nun scheinbar endlos fallend den Konfettiregen durchzieht. Beide verfallen in eine Art Tangoschritt und auf einmal kann ich Musik hören, zwischen den Kühlschränken steht Lou Reed und zupft die Gitarre. Und Lou Reed und der dickliche Plattenverkäufer und die Mitfünfzigerin mit der steifen Frisur singen: „Jackie is just speeding away / Thought she was James Dean for a day /
Then I guess she had to crash / Valium would have helped that bash / Said, Hey babe,
Take a walk on the wild Side / I said, Hey honey, take a walk on the wild Side! And the coloured girls say: Doo do doo do doo do do doo“ Und auf einmal stehen alle drei auf der Rolltreppe und verschwinden langsam aus meinem Blickfeld, nur das verdammt lange Gitarrenkabel von Lou Reed erinnert noch an den Auftritt. Hinter dem Tresen steht jetzt eine junge Frau, pustet das Konfetti von der Kasse, entschuldigt sich steif für ihren Kollegen, der private Problem habe, und verlangt 3,99 Euro für die Lou Reed-CD. Ich schniefe empört, lege zwanzig Euro auf die dafür vorgesehene Unterlage und folge dem Gitarrenkabel.

Leave a Reply